Mittwoch, 18. Dezember 2013

Tender/Obst von Nigel Slater - Rezension - Rezept für Bratäpfel mit Apfeleis

Was für ein Buch! Ist es ein Kochbuch? Das auch, aber es ist noch so viel mehr!

Zuerst einmal ist Tender | Obst*  ein wunderschön gestalteter, dicker Wälzer. Wie viele Rezepte sind in dem 620 Seiten dicken Buch enthalten, 200, 300 oder  400? Es spielt überhaupt keine Rolle, denn es ist ein Buch das wärmt. Ein Buch das man schmecken kann, ohne auch nur ein einziges Rezept daraus nachgekocht zu haben. Was aber eher unwahrscheinlich sein wird.



Wenn man mitten im Winter Lust hat, seitenweise über Sommerfrüchte zu lesen, dann nur weil Nigel Slater so charmant, feinsinnig und geistreich schreibt, dass man nicht genug davon bekommen kann. Er kann so unerhört sinnlich und zugleich poetisch über seine Früchte schreiben... Oh Boy!
Slater ist verliebt in die Früchte seines Gartens, ich bin verliebt in die Sätze von Nigel Slater!

Damit Ihr wisst was ich meine - Mit diesen Sätzen, der Beschreibung seines Gartens im September am Anfang seiner Einleitung, hatte er mich bereits:
"Die grünen Blätter verfärben sich gold und rostfarben, die letzten Früchte hängen dunkelrot und rauchig-blau an den Bäumen, die kürbisfarbenen Dahlien und die Astern liegen wie betrunken auf dem Kiesweg. Der Garten nimmt die Farbe eines Honigkuchens an, mit ein bisschen Safran, hellem Ocker und tiefsten Purpur. Farben, denke ich, wie im Vatikan bei der Andacht."

Alles klar? Wen interessiert es noch, ob der Mann kochen kann? Kann er aber!
Nigel Slater zählt zu den besten Food-Journalisten. Er schrieb 19 Jahre lang für den Observer, kocht seit 1998 für die BBC und ist Autor einiger fantastischer Kochbücher.



Erster Eindruck

Durch die verschiebbare Schutz-Banderole bekommt das Buch eine ganz besondere Wertigkeit. Ich finde es wunderschön! Ich habe gelesen dass die Banderole manche etwas stört. Wenn das der Fall ist, schiebt sie einfach ab, das Buch wird noch schöner. Unter der Banderole befindet sich ein geprägter Text auf fuchsia farbenem Grund. Bis hin zu der Auswahl dieser Schriftart hat Nigel Slater an dem Buch mitgearbeitet.
Das hier der Autor selbst schreibt, merkt man, wie gesagt, von den ersten Sätzen an. Nigel Slater schreibt so persönlich, dass man fast glauben könnte, man wäre bei ihm zu Gast. Man spürt sofort seine Leidenschaft für seinen Garten, seine Früchte, die daraus entstehenden Gerichte und dass es ihm ein richtiges Anliegen ist, dem Leser viel davon abzugeben.
Dieses prächtige Buch ist ein voluminöser Wälzer, der nicht mal eben zum Kochen mit an den Herd genommen wird, wäre auch sehr schade darum. Mit in die Küche muss er trotzdem schnellstmöglich. Ich habe schon beim allerersten Durchblättern extrem viele Post-Its verbraucht und konnte mich gar nicht entscheiden, was ich zuerst und zuletzt kochen sollte.


Gestaltung und Fotos

Stimmungsvolle, schöne, schlicht gestaltete Fotos auf mattem Papier, bei denen das Gericht im Fokus ist. Hier wird nicht das Geschirr fotografiert, sondern die Speisen, mit genügend Raum drumherum um sie ins rechte Licht zu rücken. Leider, leider gibt es viel zu wenig Fotos, es hat nicht jedes Gericht eins abbekommen! Bei einem schon 620 Seiten dicken Buch aber auch verständlich. Man braucht so schon beide Hände um es bequem zu tragen.



Inhalt und Aufbau

In diesem Buch verbindet Nigel Slater seinen Garten mit seiner Küche!
Der Leser wird alphabethisch durch 23 Obstsorten geführt, wobei jede einzelne so ausführlich beschrieben und zubereitet wird, dass man eine ganze Weile damit beschäftigt ist. Dabei aber so vorzüglich unterhalten wird, dass man die Lust an diesem Buch so schnell nicht verliert.
Am Anfang jedes Obstkapitels wird mit großer Sachkenntnis, ausführlich auf die einzelnen Sorten und unzählige Kombinationsmöglichkeiten der jeweiligen Früchte in der Küche eingegangen. Es wird zusätzlich zu den vielen Rezepten noch genau aufgezählt und beschrieben, welche Gewürze und Aromen am Besten zu den Früchten passen, so dass man selbst die Gerichte vielfältig variieren kann.

Es kommen ausschließlich Früchte vor, die in der nördlichen Hemisphäre wachsen, dadurch dass auch Maronen, Hasel- und Walnüsse behandelt werden, hat man auch im Winter eine enorme Auswahl an vorgestellten Gerichten.
Dass in einem Buch über Obst, die meisten Gerichte süß sind, überrascht nicht. Herzhaftes wird hier nur mit Obst kombiniert, wenn die Aromen sehr gut harmonieren und das Obst in einem Gericht Sinn macht.
Die "Schweinekoteletts für laue Herbstnächte" verlangen geradezu nach Cidre und säuerlichen Äpfeln.



Die Rezepte sind nicht gewollt raffiniert, vielmehr ein überlegtes Spiel mit den Aromen, aus durchweg gängigen Zutaten. Es sind oft einfache Rezepte, auf die man von selbst nicht gekommen ist, bei denen man denkt: Genau so muss es sein!

Eine schlichte Birne mit Ahornsirup und Vanille zum Beispiel. Besonders wenn über die Birne folgendes geschrieben wird: "Das Fleisch einer reifen Birne hat viel zu bieten und seine Wirkung auf diejenigen die es verzehren, ist beruhigend. Es handelt sich um das ernsteste Obst überhaupt, das oft eine gewisse Nachdenklichkeit mit sich bringt". Wer außer Nigel Slater schreibt so seine Kochbücher?



Fazit

Ein "Einsame-Insel-Buch", ein Buch für den Sessel am Ofen oder für die Gartenliege unter einem Apfelbaum. Ein Buch vielen A-Ha Erlebnissen ind großartigen  Ideen, die dennoch genügend Spielraum für eigene Interpretationen lassen.
Tender | Obst* - Ein Koch und sein Küchengarten-  Besser darüber schreiben als Nigel Slater kann niemand.
Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk und ein Buch das bleibt!




DumontBuchverlag
Nigel Slater 
Tender | Obst*
Übersetz.(a.engl.) Sofia Blind, Alexandra Grabec, Kerstin Grabner, u.a.
620 Seiten, Hardcover
H24 x B17cm cm
gebunden

Jetzt kommt noch ein Rezept aus dem Buch. Wie schon gesagt, gibt es darin eine Menge Rezepte, auf die man von selbst nicht gekommen wäre, bei denen man denkt: Warum habe ich das nicht schon längst so gegessen? ! Genau so ein Rezept habe ich mir  heute ausgesucht: Bratäpfel mit Apfeleis. Schlicht und einfach bestehend aus nur fünf Zutaten.
Wenn Nigel Slater dann noch schreibt, das Eis sei köstlich und von warmer Gutmütigkeit, dann ist es schon fast meins und ich ahne, dass es mich glücklich machen kann.



Bratäpfel mit Apfeleis.

Mann nehme:

Für das Eis ( für 4 Personen und  etwas für den Vorrat)

1 k Äpfel, (Boskop bei mir)
400 ml Sahne von glücklichen Kühen
4 Eigelb von glücklichen Hühnern
200 g Brauner Zucker

 Für die Bratäpfel

4 große, festgarende Äpfel
etwas Butter

Zubereitung

  1. Die geputzten Äpfel in klein schneiden und mit der Hälfte des Zuckers ganz sanft etwa 20 Minuten köcheln lassen, dabei  ab und zu umrühren und aufpassen, dass sie nicht anbrennen.
  2. Die Äpfel mit der Gabel klein musen und abkühlen lassen
  3. Die Sahne in einem Topf aufkochen lassen und beiseite stellen. In einer Schüssel die Eigelb mit dem Zucker schaumig schlagen und ganz langsam die Sahne tröpfchenweise, rührend dazugießen.
  4.  Die Creme zurück in den Topf geben und bei mittlerer Hitze rühren, bis die Masse etwas andickt. 
  5. Ich einem Eiswasserbad die Creme ständig rührend, zügig abkühlen. Ist die Creme kalt, wird das Apfelmus untergerührt. Mr. Slater gibt die Creme in die Eismaschine, ich besitze keine. Wenn man  die Eiscreme aber alle halbe Stunde umrührt, bis sie gerforen ist bekommt man mit dem hohen Sahneanteil ein ganz ordentiches Eis zustande, der Geschmack ist ja derselbe. man muss es nur 15 Minuten vor dem Verzehr  aus dem Eisschrank nehmen
  6. Für die Bratäpfel den Ofen auf 200^erhitzen, die Äpfel mit einem Ausstecher vom Kerngehäuse befreien an der dicksten Stelle mit dem Messer rundherum einschneiden und in eine so kleine Form setzen, dass sie nicht umfallen können. Etwas Butter in die Äpfel geben und etwa 40 Minuten backen. Mit dem Eis servieren.

Abgesehen von dem Zucker ist an diesem Dessert ja  bisher kein Gewürz. Da Nigel Slater am Anfang jeden Obstkapitels aber so schön schreibt, welche Zutaten, Aromen und Gewürze zu den einzelnen Obstsorten passen, habe ich mir dort etwas vorweihnachtliches herausgesucht  und leicht mit Zimt und einem hauch Muskatnus gewürzt. Mit etwas Karamellsauce getoppt gibt es einen Extra-Kick. Aber auch völlig ungewürzt, nur gezuckert, wie Mr Slater es vorschlägt, schmeckt es schon erstaunlich gut.

Herausgekommen ist ein einfaches aber herrliches Dessert für einen Sonntag Nachmittag oder einen Weihnachtstag.


Dieses Buch ist mir vom Verlag unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden. Mit  dieser Rezension gebe ich zu 100 % meine eigene Meinung wieder, was man aus den Zeilen hoffentlich wieder einmal klar heraus lesen kann!

*Dies ist ein Affiliate-Link

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